Kapitän z.S. a.D. Hans Freiherr von Stackelberg

Gutachterliche Stellungnahme zum Unglücksfall des "Posten Back" (vorderer Ausguck), am Donnerstag, den 04.09.2008, an Bord SSS" Gorch Fock"

Kapitän zur See Hans Freiherr von Stackelberg

Hans Freiherr von Stackelberg
Kapitän z.S. a.D.
Kommandant SSS Gorch Fock 1972 – 1978

Nach über 13jähriger Borderfahrung auf dem SSS "Gorch Fock", zeichnet sich für mich – ohne persönlich dabei gewesen zu sein – das Unfallgeschehen vom 04.09.2008 in der Nordsee wie folgt ab:

Die Schiffsführung der "Gorch Fock" lag in den Händen eines langjährig erfahrenen, äußerst umsichtigen und verantwortungsbewussten Segelschiffs-Offiziers. Auch der sehr gewissenhafte Bordarzt verfügte bereits über eine lange Borderfahrung. Die Wetterlage wurde mir zu besagtem Zeitpunkt, mit leicht achterlichem Wind (etwa "Backstagsbrise") als absolut stabil geschildert. Ein unbeabsichtigtes, der Schiffsbewegung zuzuordnendes "Über Bord gehen" war somit in diesem Falle bei den schiffbaulichen Gegebenheiten an Oberdeck der "Gorch Fock" m.E. völlig unmöglich!

Und jedem an Bord bleibt es unbenommen, sich bei eigener Unsicherheit mit seinem Sicherungsgurt an Oberdeck, wie auch in der Takelage zu sichern. Bei besonders schwerem Wetter, das aber keinesfalls vorherrschte, wird der Ausguck auf der Back ohnehin eingezogen. Wer also außerhalb jeder Manövertätikeit und wie nach amtlichen Untersuchungen inzwischen festgestellt, ohne Fremdverschulden (z.B. unverantwortliche Befehlsgebung oder gar ein Kapitalverbrechen aufgrund von Streit oder Eifersucht etc., was durch Tumult der Wache an Oberdeck nie verborgen geblieben wäre) kurz vor der Wachablösung gegen Mitternacht, bei Windstärke 6 bis 7 (also bei idealem Segelwind für die Bark) mitten in der Nordsee an der Luvseite (d.h. an der höher gelegenen Bordwand des leicht angebraßt segelnden Schiffes) bei dazu notwendiger eigener Aktivität, auf oder über die Reling steigt, ist entweder seelisch belastet und dann u.U. lebensmüde oder möglicherweise (z.B. aufgrund persönlicher Probleme) in irgend einer Form geistig überfordert und dadurch zu Kurzschlusshandlungen fähig. Ansonsten könnte höchstens noch jugendlicher Leichtsinn aus Neugier gegenüber dem "nächtlichen Außenbordsgeschehen“ (wie schon in früheren Fällen beobachtet!) den Unfall herbeigeführt haben. ln jedem Falle aber muß von einem eigenmächtigen Verlassen des eigentlichen Postenbereiches (als verpflichtende Hauptaufgabe) ausgegangen werden, wenn eine für den Ausguck und damit für die Schiffssicherheit verantwortliche Person (ohne fremde Veranlassung) an der Luvseite auf oder über die Reling steigt.

Das als Vorwurf erwähnte mangelhafte "Tragen von Schwimmwesten", war zu meiner Zeit (von 1959 bis 1978), mit Ausnahme von absolut extremen Wetterlagen bzw. schiffsgefährdenden Situationen, die hier aber in keinster Weise gegeben waren, unüblich, da dies bei vielen Tätigkeiten an Bord, besonders mit den damals sperrigen Schwimmwesten, äußerst hinderlich gewesen wäre (z.B. beim Brassen auf engstem Raum, wie vor allem in der Takelage). Ausnahmen waren hier stets, mit zwingend vorgeschriebenem Tragen der Schwimmwesten, alle Außenbordsarbeiten, sowie Einsätze in Beibooten oder mit Rettungsinseln. Schwimmwesten müssten dann aber ebenso bei der Forderung des ständigen Tragens, auch im normalen Tagesablauf auf jedem Kreuzfahrtschiff von den dortigen Passagieren getragen werden, denn diese haben keine Sicherheitsgurte zum jederzeit möglichen Einpicken bei Bedarf des Einzelnen und auch keine seemännische Vorausbildung über das Sicherheitsverhalten an Bord, wie auf der "Gorch Fock" praktiziert. Die Reling auf Kreuzfahrtschiffen ist oft stellenweise bedeutend niedriger als die der "Gorch Fock" und auf allen Kreuzfahrtschiffen herrscht für jeden freier Zugang zu Alkohol in unbegrenztem Maße, ganz im Gegensatz zum Bordleben eines Lehrgangsteilnehmers auf der "Gorch Fock".

So gesehen ist also ein Passagier auf einem Kreuzfahrtschiff mehr gefährdet, als ein gewissenhaft eingewiesener Lehrgangsteilnehmer des Segelschulschiffes. Unbestritten aber bleibt: Gegenüber Unglücksfällen durch Fehlverhalten, geboren aus selbst verursachten Kurzschlusshandlungen Einzelner, ist auch die beste Schiffsführung an Bord aller Schiffe (fast immer) machtlos! Im übrigen war dieses Unfall nach 50 Jahren und bei 14500 ausgebildeten Lehrgangsteilnehmern der erste derartige Vorfall bei einem "Posten an Deck"!

Der dringende Verdacht eines mit großer Wahrscheinlichkeit in diesem Falle doch selbst verschuldeten äußerst tragischen Unfalls, drängt sich hier auf!

Hans Freiherr von Stackelberg
Kapitän zur See a.D.
Kmdt. SSS "Gorch Fock", 1972 -1978
Fünf Buchen 12
21274 Undeloh